Einwohnerversammlung am 13.4.2011

Politik und Verwaltung auf Helgoland

Einwohnerversammlung am 13.4.2011

Beitragvon Thorsten Falke » So 17. Apr 2011, 19:17

Hallo!
Tja, die Einwohnerversammlung am 13.April 2011 war gut besucht, aber auch wiederum nicht proppenvoll, es waren noch etliche Sitzplätze frei. Nach der Eröffnungsreede des Bürgervorstehers kam der Bürgermeister an die Reihe und er präsentierte mithilfe eines an einen Beamer angeschlossenen Computers einen Haufen Grafiken über Einwohnerzahl, Einwohnerentwicklung, Tourismus, Gelder und und und..... Leider waren die Grafiken auf den hinteren Plätzen nicht zu erkennen, da sie viel zu klein waren. Nun denn, beim Bürgermeister lief es meiner Meinung nach letztendlich darauf hinaus, dass Helgoland unbedingt die Landverbindung zur Düne braucht, um voranzukommen. Nächster Redner war ein Herr des Ipp-Büros, welches den REK-Prozess begleitet. Mir schien gleich sein erster Satz zu sein: Die Landverbindung muss kommen. Weiterhin verlor er viele Worte über das Szenario und das denn jetzt mit der Umsetzungsphase begonnen werden könne.
Danach kam Herr Boersma von der "Bio", der eigentlich nichts direkt zum Regionalentwicklungskonzept beitragen konnte, da unabhängig vom Regionalentwicklungskonzept das Alfred Wegener Institut einen Umbau des Aquariums plant. Diese Planung wurde vorgestellt und fand reges Interesse und zum Ende lauten Applaus. Herr Boersma sprach auch noch in Vertretung des erkrankten Schulrektors und auch wenn das auch nicht direkt etwas mit dem Regionalentwicklungskonzept zu tun hat, war es doch sehr interessant vom "e-learning" zu erfahren. Eine neue Unterrichtsmethode über das Internet. Die hiesige Schule wird momentan "digitalisiert", sprich die technischen Voraussetzungen für das e-learning werden gerade geschaffen, eine Whiteboard, also im Gegensatz zur schwarzen Schultafel mit Kreide, soll angeschafft werden. Das ist so ein Teil in der Größe einer Schultafel, jedoch so eine Art berührungsempfindlicher Riesenbildschirm. Die Inhalte dieses Bildschirms können abgespeichert werden um bei Bedarf wieder hervor geholt zu werden. Auch hier lauter Beifall für den Vortragenden. Eine Möglichkeit, dass Helgoländer Schüler in Bälde das Abitur auf Helgoland machen können? Aber auch die Gefahr bei ständig sinkenden Schülerzahlen, dass das Lehrerkollegium sozusagen aufgelöst wird und die Schüler nur noch über e-learning unterrichtet werden. Eine Praxis, die sich in vielen abgeschiedenen Gegenden wohl schon bewährt hat (Kanada, Finnland).
Der folgende Redner hielt einen Vortrag über den Energiebedarf der Insel. Ich habe die Zahlen nicht mehr genau im Kopf, aber so um 1972 wurden noch 12,6 Millionen Liter Heizöl auf Helgoland durch die Energiegewinnung verbraucht, anhand der so beliebten Computer-Beamer-Projektionen, die wiederum nicht auf den hinteren Sitzplätzen entziffert werden konnten, wurde uns mitgeteilt, dass der Heizölverbrauch auf Helgoland durch ständige Investitionen zurückgegangen sei. 1980 dann noch soundsoviel, 2008 noch weniger und 2010 noch weniger , nur noch 3,6 Millionen Liter Heizöl (oder was auch immer), alles wurde mit Balkendiagramm belegt, die ständige Abwärtskurve wurde gezeigt. Bei 2010 fiel mir jedoch der Verbrauch von 3,6 Millionen Liter auf. Seit Ende 2009 ist Helgoland elektrisch mit einem Seekabel vom Festland versorgt. Woher also noch die 3,6 Millionen Liter Heizöl? Fürs Heizen. Was sonst als "Abfallprodukt" aus dem Kühlwasser der stromproduzierenden Maschine anfiel, nämlich das warme Wasser für Heizung und Leitungswasser, wird jetzt ganzjährig für teuer Geld extra hergestellt. Der Teil vom Balkendiagramm des Jahres 2010 ist meiner Meinung nach irreführend, da vorher für die Warmwasserproduktion nicht produziert werden musste (Ausnahmen in Spitzenzeiten im Winter). Diese 3,6 Millionen Liter sind als neu hinzugekommener Mehrverbrauch zu werten und hat in der gezeigten Statistik nichts zu suchen. Weiterhin wurde vom Vortragenden gesagt, dass das Seekabel in Schleswig-Holstein an Land gehen würde und wenn man sich da mal umsieht, würde man sehen, das der Energieerzeuger dort mit den überall zu bestaunenden Windrädern ökologischen Strom produziert und wir uns deshalb sicher gut vorstellen könnten, dass der meiste Strom der Helgoland erreicht, ökologisch erzeugter Strom sei. Bemühe ich den Internetauftritt des auf Helgoland tätigen Energieerzeugers, so erfahre ich dort das:
https://www.eon.de/de/eonde/pk/services ... /index.htm

Stromkennzeichnung – Energiemix und Umweltauswirkungen für das Jahr 2009:

Unser Energieträgermix zur Stromerzeugung setzt sich aus 32,1 % Kernkraft, 38,3 % fossilen und sonstigen Energieträgern sowie 29,6 % erneuerbaren Energien zusammen. Damit sind 271 g/kWh CO2-Emissionen und 0,0006 g/kWh radioaktiver Abfall verbunden. Der Energieträgermix zur Stromerzeugung in Deutschland setzt sich im Durchschnitt aus 24,9 % Kernkraft, 57,8 % fossilen und sonstigen Energieträgern sowie 17,3 % erneuerbaren Energien zusammen. Damit sind 508 g/kWh CO2-Emissionen und 0,0007 g/kWh radioaktiver Abfall verbunden. Bestehen Produkte ganz oder anteilig aus erneuerbaren Energien, so besteht der Anteil aus erneuerbaren Energien zu 100 % aus erneuerbaren Energien; CO2-Emissionen oder radioaktiver Abfall entstehen diesbezüglich nicht.

Unter Berücksichtigung der Energiemengen der Produkte aus erneuerbaren Energien ergibt sich ein verbleibender Energieträgermix (Residualmix) von: 32,3 % Kernkraft, 38,6 % fossilen und sonstigen Energieträgern sowie 29,1 % erneuerbaren Energien. Damit sind 273 g/kWh CO2-Emissionen und 0,0006 g/kWh radioaktiver Abfall verbunden. Diese Angaben entsprechen den Anforderungen nach § 42 Energiewirtschaftsgesetz (EnWG).


Also nicht mal ein Drittel ist ökologisch. Und was das alles mit dem Regionalentwicklungskonzept für Helgoland zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Mein Eindruck war jedoch auch hier, das für die Landgewinnung Werbung gemacht wurde, da die 23 Kilometer nordwestlich Helgolands zu bauenden Offshorewindparks uns ja mit "gutem" Strom versorgen werden.
Danach gab es noch einige erklärende Worte des Konzeptbüros zur Pause. Gute 25 Minuten sollte uns gewährt werden, um uns die verschiedenen Szenarien anzugucken und uns dann in eine Liste zur Mitarbeit einzutragen.


Ich hatte erwartet, dass diese Szenarien ausführlich per Vortrag vorgestellt werden würden. Das geschah nicht! Mir wurde von der offiziellen Seite, Bürgermeister + Konzeptbüro, zu sehr die Landgewinnung propagiert, als ob es andere Szenarien nicht geben würde. Weiterhin wurde die Landgewinnung als die einzig Möglichkeit für Helgolands Zukunft gepriesen, so war mein Eindruck. Mit dieser Art der Präsentation bin ich nicht zufrieden. Auch die gewünschte Mitarbeit an den Szenarien werde ich nicht leisten, nur insofern, dass ich mich hier gelegentlich dazu äußere, denn ich sehe in der Landgewinnung keine Zukunft für die Helgoländer. Sagen wir das mal so: Ich bin Unternehmer und ich baue euch die die Landgewinnung für 100 Millionen dahin, dass ich von diesen Hundert Millionen 30 Millionen in die eigene Tasche stecke sage ich euch nicht. Und das unvorhersehbare Probleme auftreten können kann ich euch nicht sagen, da sie ja unvorhersehbar sind. Ganz schnell werde ich euch dann aber sagen können, wieviel ich dann Nachschlag haben möchte von euch. Dann mache ich zwei Jahre lang Krach ohne Ende auf eurer einzig deutschen Hochseeinsel und ramme was und spüle was das Zeug hält. Das Personal wird auf den Einsatzschiffen schlafen, wo ich Tim Mälzer zu deren Verköstigung engagiert habe. Nach drei Jahren Baulärm werde ich mit 333 Tagen Verspätung dann die Fertigstellung verkünden, für die 50 Millionen Extrakosten konnte ich ja nichts und die 16 Millionen davon in meiner eigenen Tasche beruhigen mein Gewissen.
Da habt ihr dann ein schönes Stück neuen Sand! Wiebitte? Sand? Ja klar, da ist noch kein Fitzel Wasserleitung, Stromkabel, Abwasser, Straße et cetera perge perge.
Dann haben wir schönes billiges Bauland? Wenn ich mal von 1 km² ausgehe, was bleibt davon übrig, nachdem der Bebauungsplan aufgestellt wurde? Wenn 1/4, 25%, der Fläche bebaut werden darf, dann sind das 250.000 m².Das heißt also 150 Millionen € Baukosten, plus die Infrastruktur, sagen wir mal eine runde Summe: 213.433.726 € geteilt durch 250.000 m². Hui, schlappe 1000€ der Quadratmeter. Aber nur, wenn da kein Immobilienhai dazwischen ist. Dann bauen da Unternehmen, die es sich leisten können, planen in die Erdgeschosse ihrer 18 stöckigen Hotels feine Ladenpassagen mit Edelluxusgeschäften ein und gründen zur Verköstigung ihrer Hotelgäste gleich auch noch einen Lebensmittel-Großhandel. Tja, da mag ich gar nicht sehen, dass da irgendwas für einen Helgoländer übrig bleibt. Vielleicht als Skinnekenman. Im Winter wird es auf Helgoland trotz dieser großartigen Investition ähnlich aussehen, wie an der übrigen Nordseeküste und an der Ostsee. Dunkeltuten ohne. Also wird Punkt 15. Oktober alles eingemottet, über Silvester wird wegen Unrentabilität nicht geöffnet, am 1. Mai kommen wir mal langsam wieder an.
Ich werde bei der angekündigten "Volksabstimmung" klar gegen die Landgewinnung stimmen!
Grüße
Thorsten
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Re: Einwohnerversammlung am 13.4.2011

Beitragvon Thorsten Falke » Mo 18. Apr 2011, 08:00

Hallo!
Hui, nun habe ich glatt zwei Redner unterschlagen.
Der Tourismusdirektor stellte den Plan der Kurpromenaden-Sanierung vor. Mal abgesehen davon, dass eine Millionenteure Sanierung keinen Gast mehr nach Helgoland locken wird, ist mir die Gestaltung des Strandes an der Landungsbrücke ein Grusel. Hier sollen mit Beton vergossene Steine als Wellenschutz dienen. Das letzte Stück "Natur-Küste" im Ort wollen sie mit so etwas verschandeln. Wenn man daran denkt, touristisch den Gästen etwas zu bieten, so sollte der Strand wieder so hergerichtet werden wie er immer war. Der "kleine Park" sollte wieder entfernt werden und der Strand sanft und in natürlicher Böschungsneigung bis zum Rasen an der Promenade auslaufen. Hier können wieder Fischerboote am Strand liegen und Fischereigeschirr wie Hummerkörbe und so. Und wenn es nur als touristische Attraktion sei. Unseren schönen Insel-Südstrand so mit Beton zuzukleistern behagt mir gar nicht.Wie mir Gerüchteweise zu Ohren gekommen ist, übernimmt die 1,5 Millionen € Baukosten das Land, eine andere Art will das Land aber (angeblich) nicht finanzieren. Ich sage dazu: Dann, liebes Land, behalte dein Geld. Nur weil man für etwas Geld bekommt, muss man das noch lange nicht machen. Zumal wenn es so wenig naturnah ist und den Anblick verschandelt.
Auch hier wurde mit Computergenerierten Beamerbildern das Projekt dargestellt. Leider wurden die heutigen Möglichkeiten der Computertechnik hier nicht so ausgeschöpft wie bei der Vorstellung des Bluehouse des AWIs, die eine Computeranimation des geplante Objekts mit einer Art Kamerafahrt durch das Gebäude präsentierte. Eine einfache Animation wie der umgebaute Südstrand dann aussehen wird hätte vielleicht einigen Helgoländern die Augen geöffnet, was da geplant ist. Mir gefällt es nicht und ich wäre froh, wenn es zu einer anderen Lösung kommen würde.
Dann hat noch ein Sprecher des Museumsvereins eine kurze Ansprache gehalten, mit den geplanten Erweiterungen des Museums. Auch hier bekam ich de Eindruck, als ob die Landgewinnung schon beschlossene Sache sei und dass das Museum dann dorthin seine Aktivutäten ausweiten wolle.
Grüße
Thorsten
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