NEUES Quelle Hamburger Abendblatt 27.11.2025
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Helgoland: Originelle Idee soll die letzte Inselbäckerei retten
Helgoland. Von einst sechs Backstuben schloss die letzte Ende 2024. Alle Versuche einer Neueröffnung schlugen fehl. Nun gibt es einen neuen Plan.
Von Anne Dewitz, Verantwortliche Redakteurin
27.11.2025, 05:50 Uhr
Helgoland Bäckerei
Bäckermeister Mario Peterscheck (li.) und Unternehmer und Projektentwickler Adrian Wolf wollen eine Genossenschaft gründen und so die Backstube auf Helgoland retten.
© privat | Privat
Ein Sonntagsfrühstück ohne frische Brötchen und keine Torte vom Konditor zur Familienfeier – das ist schon kein schönes Szenario. Aber im Alltag kein frisches Brot kaufen zu können, das wünscht sich wohl niemand. Doch für die Helgoländer ist das fast schon ein Jahr lang traurige Realität, nachdem die letzte Bäckerin auf der Nordseeinsel Ende 2024 aufgehört hat.
Die Gemeinde hatte aktiv nach Ersatz gesucht und mit attraktiven Konditionen geworben – und damit auch Erfolg gehabt. „Es gab mehrere Interessenten. Bäckermeister Mario Peterscheck (52) hat uns am Ende mit seinem Konzept überzeugt“, sagt Helgolands Bürgermeister Thorsten Pollmann. Im Oktober waren die Verträge unterschriftsreif. Doch wenige Tage vor dem Termin beim Notar hat die Bank überraschend einen Rückzieher gemacht und ihre Kreditzusage gegenüber Mario Peterscheck zurückgezogen.
Helgoland: Bank zieht überraschend Kreditzusage für Inselbäckerei zurück
„Über diese Entwicklung sind wir alle sehr verärgert“, sagt Thorsten Pollmann. „Denn die Bank hat das ganze Projekt monatelang begleitet und bis dahin positiv bewertet und keine Bedenken geäußert. Wir haben dadurch sehr viel Zeit verloren.“ Die unvorhersehbare Kehrtwende hat monatelange Planungen zunichte gemacht.
Inselbäckerei Helgoland: Gibt es noch eine Rettung?
Daran änderte auch ein Gespräch zwischen Bürgermeister und Regionalleiter der Bank nichts mehr. Auf der Gemeindeversammlung am 7. November wurden die Helgoländer darüber informiert, dass das Vorhaben, die Inselbäckerei zu retten, so wie geplant nicht umgesetzt werden kann. Die Empörung war groß, aber auch der Wille zu Handeln.
Auf der Einwohnerversammlung wurden mehrere Vorschläge unterbreitet, wie sich die Bäckerei auf der Insel retten ließe. Nun zeichnet sich eine Lösung ab. Bäckermeister Mario Peterscheck und der Unternehmer und Projektentwickler Adrian Wolf (33) wollen eine Genossenschaft gründen. „Ziel ist vor allem, die Bäckerei als erstes großes Projekt zu sichern und als Inselgemeinschaft selbst zu übernehmen – statt dass externe Investoren oder einzelne Pächter das allein stemmen“, sagen sie.
Genossenschaft soll Bäckerei auf Helgoland retten – doch die Zeit drängt
Dafür brauchen sie tatkräftige Unterstützung und vor allem schnelle Zusagen. Denn die Zeit drängt. Denn es gibt Vorverträge zwischen Gemeinde und Insolvenzverwaltung, die bisher Mario Peterscheck als Pächter vorsahen. Damit die Genossenschaft seine Rolle ersetzen kann, muss sie bis 31. Dezember 2025 handlungsfähig sein – sonst verfällt das Vorkaufsrecht der Gemeinde auf die Bäckerei im Gewerbegebiet und das Ladengeschäft.
Bürgermeister auf Helgoland
Bürgermeister Thorsten Pollmann setzt sich für den Erhalt der Bäckerei auf der Insel ein.
© Sören Tietjen/Gemeinde Helgoland | Sören Tietjen/Gemeinde Helgoland
Ziel ist es 1,35 Millionen Euro bis zum 6. Dezember einzusammeln – sonst muss das Projekt eingestellt werden. „Wir haben in den drei Wochen nach der Einwohnerversammlung alle rechtlichen Grundlagen geprüft und sind seit Sonntag mit unseren Plänen an die Öffentlichkeit gegangen“, sagt Mario Peterscheck. Innerhalb von drei Tagen sind zehn Prozent des benötigten Geldes zusammengekommen. Das lässt ihn hoffen.
Helgoländer retten ihre Bäckerei: Anteile der Genossenschaft zu je 150 Euro
Die Anteile der Genossenschaft werden zu je 150 Euro vergeben. „Das ist mit Absicht sehr niedrig angesetzt, weil wir niemanden ausschließen und allen Einwohnern und auch auswärtigen die Chance geben möchten, das Projekt zu unterstützen“, so die Initiatoren. Die Information, wie viele Anteile jemand erwerben möchte, werden vertraulich behandelt. Jeder Helgoländer, der der Genossenschaft beitritt, hat genau eine Stimme, egal wie viele Anteile er kauft.
Auch Menschen außerhalb Helgolands können Anteile kaufen, erhalten allerdings kein Stimmrecht, profitieren aber von möglichen Renditen. „Auch auf Facebook haben wir schon sehr viel positive Resonanz von Touristen und Helgolandfans erhalten, die ihren Unterstützung zugesagt haben“, sagt Mario Peterscheck. Er und Adrian Wolf hoffen vor allem auch auf die finanzielle Hilfe der großen Firmen, die auf Helgoland tätig sind, und Zusagen aus der Tourismusbranche auf der Insel.
Helgoland: Genossenschaft soll letzte Inselbäckerei retten
Voraussichtlich neun Arbeitsplätze könnten mit der Bäckerei geschaffen werden. Ab dem zweiten Geschäftsjahr planen die Initiatoren dann einen Schritt weiterzugehen und Bäcker und Konditoren auszubilden. „Damit gestalten wir auf der Insel die Ausbildung eines neuen Lehrberufes und erhöhen die Identifikation junger Menschen mit dem Lebensraum der Insel“, heißt es auf der Homepage.
Inselbäckerei Helgoland: Gibt es noch eine Rettung?
Mit der Genossenschaft soll nicht nur die Versorgung mit frischen, regionalen Backwaren direkt gesichert werden. Sie würde auch Abhängigkeiten von externen Lieferanten oder großen Ketten reduzieren, so die Initiatoren. Der Gang zur Bäckerei habe auch eine soziale Komponente. „Eine Bäckerei ist ein fester Bestandteil der lokalen Gemeinschaft“, sagt Mario Peterscheck. „Sie ist oft ein Ort, an dem man nicht nur einkauft, sondern auch Neuigkeiten austauscht, sich über das Wetter oder die neuesten Ereignisse in der Nachbarschaft unterhält.“
Initiatoren werben um Mitglieder für Genossenschaft
Die Initiatoren haben in den vergangenen Tagen Absichtserklärungen versendet und verteilt. „Wir haben bereits regen Rücklauf bekommen“, heißt es weiter. Wenn sich ausreichend Menschen finden, die bereit sind, der Genossenschaft beizutreten, wird eine Potenzialanalyse erstellt. „Dies ist für uns essenziell, um abschätzen zu können, in welche Richtung wir mit der Idee laufen“, so die Initiatoren.
Allein bei den Brötchen rechnet Bürgermeister Thorsten mit einem täglichen Bedarf von 6000 Stück. Da die Backstube auf einem alten Stand ist, müsste erstmal kräftig investiert werden. Derzeit übernimmt das kleine Café Kogge im Unterland die Versorgung mit Backwaren. „Ich bin sehr froh, dass sie ihre Kapazitäten erhöht haben, aber das ist nur eine Notlösung.“
Helgoland ohne Bäckerei – Bürgermeister befürchtet Rückgang beim Tourismus
Sollte sich die Bäckerei nicht wieder eröffnen lassen, befürchtet er, dass die Insel einen großen Schaden erleiden wird, unter anderem durch einen deutlichen Einbruch im Tourismus. „Wir erhalten jetzt schon Rückmeldungen, dass Touristen nicht mehr kommen wollen, wenn sie in ihren Hotels und Apartments keine frischen Backwaren bekommen“, so der Bürgermeister. Die hätten selbst keine Möglichkeiten, Brötchen aufzubacken, geschweige denn frisch zu backen.
Er setzt sich parallel dafür ein, dass der Kreis Pinneberg und das Land Schleswig-Holstein einer Kreditaufnahme der Gemeinde zustimmen. Die Gemeinde Helgoland erhält neben Pellworm eine allgemeine Finanzzuweisung vom Land, kann daher nicht ohne Zustimmung agieren. „Am Ende hängen aber auch Gewerbesteuereinnahmen und Arbeitsplätze an der Bäckerei“, so Thorsten Pollmann. „Sogar die Fahrkartenpreise für die Fahrgastschiffe könnten sich erhöhen, wenn die Passagierzahlen zurückgehen.“
Inselbäckerei Helgoland: Genossenschaft auf aktive Mitglieder angewiesen
Am 28. und 29. November stehen die Initiatoren auch am Weihnachtsmarkt im Museumshof für Informationen und Austausch zur Verfügung. Am 30. November laden sie außerdem von 14 bis 16 Uhr eine Infoveranstaltung im Gemeindesaal ab. Die Gründungsversammlung in der Nordseehalle ist am 7. Dezember geplant. Anschließend wird ein Antrag auf Eintragung beim zuständigen Amtsgericht (Registergericht) gestellt.
Vor der Eintragung findet eine sogenannte Gründungsprüfung durch einen Prüfungsverband statt. Die Prüfung soll sicherstellen, dass die wirtschaftlichen und rechtlichen Voraussetzungen für eine geordnete Geschäftsführung vorliegen. Erst mit Eintragung entsteht die eG (eingetragene Genossenschaft) als juristische Person. Mit der Eintragung wird die Genossenschaft auch Kaufmann im Sinne des HGB (Handelsgesetzbuch).
Die Absichtserklärung für den Erwerb von Genossenschaftsanteilen kann über die Internetseite
www.inselgenossenschaft.de oder per E-Mail an
info@inselgenossenschaft.de zugeschickt werden. Ebenso steht im Rathaus bis zum 6. Dezember eine Briefurne zur Verfügung.
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